Rede Aces NRW – Wer schützt mich vor Deutschland?/ Queer as in, I care about you and for you!

Dieser Redebeitrag wurde am 19.06. von Aces NRW auf dem Platz der Deutschen Einheit gehalten.

Ursprünglich wurde die Rede auf der Website von Aces NRW veröffentlicht. Wir veröffentlichen sie hier der Vollständigkeit und Übersichtlichkeit halber auch auf unserer Website.

Ich grüße Euch alle, hallo. Mein Name ist Pancake von Aces NRW und meine Pronomen sind x und xs. Gerne möchte ich einige Worte mit Euch teilen, die im Folgenden staatliche Gewalt, speziell Polizeigewalt, Rassismus und instutionelle Inter- und Transfeindlichkeit (Trigger Warning) referieren.

Wir haben Pride Month (Monat), liebe comrades (Genoss_innen), und es sollte für uns ein durch und durch freudiger, empowernder Anlass sein. Doch mehr denn je, so scheint es, wird unser tiefstes Selbst, unsere Queerness, pünktlich und wohl präpariert von Konzernen, Institutionen und anderen Größen zu einer bloßen, überstülpbaren, dekorativen Hülle umfunktioniert, die uns, widergespiegelt, signalisieren soll, wie sozial engagiert und vertrauenswürdig sie doch seien.
Unverbindliche Vertrauenswürdigkeit natürlich, die wir doch bitte freundlichsterweise auf finanzielle Weise und / oder Vergabe unserer Stimmen naiv zurückzahlen sollen. [/s]

Eine Absurdität, wo doch insbesondere in Zeiten der weltweit anhaltenden Pandemie überproportional Mehrfachmarginalisierte ignoriert, ausgebeutet und im Stich gelassen wurden.
Doch die Ausbeutung, die Scheinheiligkeit besagter Einrichtungen kennt kein Ende.
Das kapitalistische System kennt kein Erbarmen; es kennt nur Profitgier.

Nicht mehr als eine leere Performance von „Herzensgüte“ also, virtue signaling (dem leeren Vorgeben von Tugenden sozialer Gerechtigkeit), die dazu beiträgt, einst selbstermächtigende, radikale Konzepte z.B. Schwarzer Bürger_innenrechtsbewegungen und/oder Queerness, komplett verwässert dem Mainstream leicht verdaulich und bequem zu servieren.
Diese, vor allem kommerzielle, Vereinnahmung im Regenbogenkapitalismus dürfen wir, meine teuersten Mitmenschen, nicht als den finalen, grundlegenden gesellschaftlichen Einschluss verstehen, den viele von uns erhoffen.
Die angestrebte Animation zum Konsum dürfen wir nicht als Akt vollbrachter sozialer Advokatsarbeit verstehen.
Kapitalismus, auch pinkgewaschender (pinkwashing) und regenbogentragender, ist keine Befreiung! Kapitalismus ist und bleibt organisiertes Verbrechen und beruht immer auf Ausbeutung und Stabilisierung Mächtiger! Unsere Existenzen sind kein Verkaufsargument (selling point)! Unsere Identitäten sind keine vermarktbaren Produkte oder leere, konsequenzlosen Stimmen für eine Partei.

Und ja, mir ringen die stets anbiedernden queer assimilationists (Assimilant_innen) (in der Regel besitzhabende, nicht-behinderte, weiße cis endo allo Queers) im Ohr, die mir ein „strahlendes Zeichen sozialen Fortschritts“ in ihrer Dominanzgesellschaft attestieren wollen.
Doch es kann in diesem System keine Gerechtigkeit, keine Be_Frei(t)heit, keinen Fortschritt, keine florierende Um- und Lebenswelt geben! Auch das süßeste aller Gifte ist und bleibt noch immer Gift!

Wir führen, in stark in unterschiedlichem Maße, Leben in diesem unterdrückerischem System, welches darauf ausgelegt ist, Schmerz und Wut auf ihre gewollte Enthaltung unserer Menschenrechte zu delegitimieren und im extremsten Falle als Mordbegründung zu nutzen! Die Exekutive des Staatsapparates fördert hierbei aktiv den eigenen rechten, den zu tiefst faschistischen Terrortummelplatz, schützt und vertuscht ihre anhaltenden Gräueltaten, bildet sie aus, bewaffnet sie und gibt ihnen Zugang zu Daten all jener, die sie als Dissident_innen antagonisieren.
Erst gestern enthüllten die taz rechte, rassistische Bundestagspolizei! Mal wieder #Einzelfall.

Ein jenes System, dass uns, doch vor allem unsere Schwarzen Geschwister, unsere Geschwister of Colour, wohnungslose Geschwister, von Armut betroffene, kriminalisierte und/oder gefangene Geschwister, bis aufs Äußere erschöpfen und sich daran ergötzt, wenn wir zusammenbrechen, jegliches Aufbegehren sei zu unterbinden, nur aufgeben oder uns in den Mühlen erbarmungsloser Bürokratie dieses kalten Landes, ihrer Hürden und ihrer Inaccessability (Unzugänglichkeit) zermalmen lassen. So sollen Viele von uns zahlen für ein „quote un-quote selbstbestimmtes“ Leben oder dürfen gar nicht erst erfahren, welche Eingriffe ohne unsere Zustimmung an uns vorgenommen wurden. „Selbstbestimmung“ durch Autoritäten wie dem medizinischem Establishment, gestattet von Gerichten und Ämtern. Samt der damit verknüpften schmerzhaften Geschichte für, zum Beispiel, unsere inter und trans Geschwister, lebendig und verstorben.

Wir müssen uns demütigen lassen, bis auf die Haut und noch viel tiefer. Übergriff über Übergriff. Für zum Beispiel das, was sie Gutachten nennen! Dafür, dass wir unser authentisches Selbst sein dürfen! DÜRFEN! Für Viele, darunter auch mich als nicht-binäre Person, ist selbst das nicht möglich, wenn wir an den Geschlechtseintrag (um nur ein Beispiel anzuführen) denken.
Und die Politik spukt uns ins Gesicht und sagt, dass wir lächeln sollen, denn das ist Niemcy, Almanya, Deutschland.
Hier bist Du frei, hier bist Du sicher!

Wer schützt Dich vor Deutschland? Wer schützt mich vor Deutschland?

Wer schützt Euch vor Deutschland?

Es ist nun genau 16 Monate nach dem rassistischen Anschlag von Hanau, bei dem 13 SEK-Bullen mit rassistisch[er], antisemitisch[er], rechtsextrem[er] und verschwörungsideologisch basiert[er] Gesinnung in der Tatnacht im Einsatz waren. Es ist nun einen Monat her seit der Bundestagsabstimmung zu den Getzesentwürfen, beziehungsweise – Erneuerung des verachtenden TSGs zu einer annähernd geschlechtlichen Selbstbestimmung, die mit über 400 Gegenstimmen scheiterte. Statt Ausarbeitung, Entschädigungen und Abschaffung (abolishment) bleiben Fremdbestimmung, Dehumanisierung und Autoritarismus bestehen.

Das ist das Deutschland, dass Dich und mich schützten soll!

Was uns in diesen Zeiten bleibt – wir haben einander. Wir haben uns. Sie können uns nicht wegnehmen, was sie nie hatten. Keine Entschuldigungen von uns! Nicht für das, was wir verdammt nochmal sind! Nicht für das, was was wir fühlen! Wir, wir kämpfen gemeinsam. Wir lasse uns nicht abspeisen oder unterwerfen. Seid vor allem füreinander da und fight the power, fight the cis-tem!

Einstehen, wenn mensch ausbrennt, ermüdet und vom Dauerschmerz überwältigt ist. Ich will nicht mehr warten müssen! Bauen, pflegen und schützen wir Communities, nicht die Bequemlichkeit der Privilegierten oder wirtschaftliche Interessen der Mächtigen!

Keine Kompromisse, kein bootlicking, kein Platz für Gatekeeper; für solche, die nichts an den Herrschaftsverhältnissen ändern wollen. Keine Menschenverachtungen in unseren Räumen, kein Reproduzieren reduktiver eurozentrisch-kolonialistischer Geschlechterverständnisse, deren wohl neustes Zirkusstück von Binarität zu Geschlechtstrinärität geführt hat („Frauen, Männer und nicht-binäre Leute„) und uns nicht-binäre Menschen nach gewaltvoller Zuordnung – oft auch Inter Erasure betreibend – labelt („agab„)!

Kein Tokenism mehr! Keine Allies; was wir brauchen, ist Komplizenschaft!
Fangen wir bei uns selbst an und der LGBTQIA+ Community; übernehmen wir Verantwortung (accountability):
Wahre soziale Gerechtigkeit fängt nicht bei queeren Menschenrechten an und endet auch nicht dort!
Das muss uns allen klar sein. Nur so können wir eine Welt aufbauen, die für uns ALLE sicher und erfüllend ist.
ALLE Befreiungskämpfe sind unmittelbar miteinander verbunden.

Die Zeiten der leeren Gesten muss enden!

Solidarität bis zum Schluss!

QUEER as in „FUCK YOU“!

Aber auch
QUEER as in „I CARE ABOUT YOU AND FOR YOU!“

Danke.